Der entscheidende Unterschied zur Bewerbung auf eine Anzeige
Eine Bewerbung auf eine Ausschreibung ist ein Abgleich. Auf der einen Seite stehen Anforderungen, auf der anderen das, was Sie mitbringen, und die Aufgabe besteht darin, die Verbindung zwischen beiden herzustellen. Bei einer Initiativbewerbung fehlt die eine Seite. Es gibt kein Anforderungsprofil, keine Aufgabenbeschreibung, keinen Hinweis darauf, ob überhaupt jemand gesucht wird.
Das hat eine Folge, die viele Initiativbewerbungen nicht ziehen: Sie müssen den fehlenden Teil selbst liefern. Nicht „ich interessiere mich für eine Tätigkeit in Ihrem Unternehmen", sondern eine Aussage darüber, welche Arbeit Sie dort übernehmen würden und warum es diese Arbeit dort geben dürfte. Wer das nicht kann, hat kein Anschreiben, sondern eine Anfrage – und Anfragen werden anders behandelt als Bewerbungen.
Wo im Büro laufender Bedarf besteht
Es gibt Arbeitgeber, bei denen eine Initiativbewerbung eine realistische Chance hat, weil dort ohnehin ständig gesucht wird und die Ausschreibung dem Bedarf hinterherläuft.
Kanzleien gehören dazu. Die Nachfrage nach Rechtsanwaltsfachangestellten ist dauerhaft hoch, und viele Kanzleien schalten eine Anzeige erst, wenn jemand bereits gekündigt hat. Wer vorher schreibt, landet in einer Mappe, die geöffnet wird, sobald das passiert. Was in einer Kanzleibewerbung anders ist als sonst, steht im Beitrag zur Bewerbung in der Kanzlei.
Größere Verwaltungsabteilungen in Unternehmen sind der zweite Fall. Wo zwanzig Menschen in Buchhaltung, Auftragsabwicklung und Personalsachbearbeitung arbeiten, gibt es Fluktuation, Elternzeiten und Vertretungen, und die Abteilungsleitung kennt ihren Bedarf früher als die Personalabteilung.
Der dritte Fall sind Arbeitgeber, die gerade wachsen oder einen Standort aufbauen. Das ist an Stellenanzeigen für andere Funktionen erkennbar – wer Vertrieb und Produktion einstellt, braucht kurz darauf Auftragsbearbeitung.
Wo sie ins Leere läuft
Der öffentliche Dienst ist der wichtigste Gegenfall, und der Grund steht in der Verfassung. Nach Artikel 33 Absatz 2 des Grundgesetzes hat jeder Deutsche nach Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung gleichen Zugang zu jedem öffentlichen Amt. Aus diesem Grundsatz der Bestenauslese folgt ein förmliches Auswahlverfahren: ausgeschrieben, dokumentiert, vergleichend entschieden. Eine Initiativbewerbung kann dieses Verfahren nicht abkürzen, weil sonst der Vergleich fehlte. In vielen Häusern wird sie höflich beantwortet und mit dem Hinweis auf das Stellenportal zurückgegeben.
Das heißt nicht, dass sie dort nutzlos ist – manche Kommunen führen einen Bewerberpool und melden sich bei passenden Ausschreibungen. Es heißt nur, dass sie den Weg nicht ersetzt, sondern bestenfalls vorbereitet. Was den öffentlichen Dienst sonst von der Privatwirtschaft unterscheidet, behandelt der Beitrag zur Bewerbung bei Behörde oder Unternehmen.
Der zweite Gegenfall ist einfacher: Wenn derselbe Arbeitgeber gerade eine passende Stelle ausgeschrieben hat, bewerben Sie sich darauf. Eine Initiativbewerbung daneben wirkt, als hätten Sie die Anzeige nicht gefunden.
Der Zeitpunkt
Initiativbewerbungen haben eine Halbwertszeit. Sie bleiben in vielen Häusern einige Monate liegen, dann werden sie datenschutzrechtlich gelöscht – Bewerberdaten dürfen nach § 26 des Bundesdatenschutzgesetzes nur so lange verarbeitet werden, wie sie für die Entscheidung über das Beschäftigungsverhältnis erforderlich sind, und Bewerberinnen und Bewerber gelten dort ausdrücklich als Beschäftigte. Wer seine Unterlagen für den Pool zur Verfügung stellen will, sollte das deshalb ausdrücklich anbieten und um eine entsprechend längere Speicherung bitten.
Praktisch heißt das: Schreiben Sie, wenn Sie tatsächlich wechseln wollen, und nicht auf Vorrat. Und rechnen Sie damit, dass eine Antwort Wochen braucht – niemand bearbeitet eine Initiativbewerbung mit derselben Dringlichkeit wie eine Bewerbung auf eine laufende Ausschreibung.
Was die Unterlagen anders macht
Die Mappe unterscheidet sich in zwei Punkten von der üblichen. Erstens ist das Anschreiben länger begründungspflichtig: Sie müssen erklären, warum dieser Arbeitgeber und nicht irgendeiner, und dafür brauchen Sie etwas, das Sie über ihn wissen und das nicht auf der Startseite steht. Zweitens sollte die Stelle, die Sie meinen, benannt sein – „Sachbearbeitung im Einkauf", nicht „eine kaufmännische Tätigkeit". Eine unbestimmte Bewerbung zwingt die empfangende Person zu einer Zuordnung, die sie nicht leisten wird.
Wer beides kann, braucht als Nächstes den richtigen Empfänger; dazu gibt es einen eigenen Beitrag über das Finden des Adressaten. Und wer die Unterlagen verschickt hat, sollte wissen, wann und wie er sich noch einmal meldet – das steht im Beitrag zum Nachfassen.
Eine ehrliche Einordnung
Initiativbewerbungen haben eine niedrigere Trefferquote als Bewerbungen auf Ausschreibungen. Das ist kein Argument gegen sie, sondern eine Anweisung, wie man sie einsetzt: als zweiten Kanal neben der regelmäßigen Sichtung der offenen Stellen, nicht als Ersatz dafür. Wer sich ausschließlich initiativ bewirbt, wartet auf Zufälle. Wer beides tut, erhöht die Zahl der Gelegenheiten, ohne die verlässlichere aufzugeben.
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